Infiziert mit dem Bike-Fieber habe ich mich im April 2016. Eigentlich aus der Not heraus, da mein Fuß das Joggen nicht mehr gemocht hat und ein bisschen Bewegungsdrang sowie ein Fitnessanspruch ja doch in mir steckt. Mein Freund setzte mich eines Tages auf ein Rennrad und schon am Abend hatte ich im Internet die Recherche nach einem eigenen Bike begonnen und recht schnell zugeschlagen. Die erste große Reise (nach den obligatorischen Radurlauben auf Mallorca) trat ich dann im Sommer 2017 an. Ich wollte mehr Radfahren, aber auch meine Schwester und ihre Familie mal wiedersehen. Also warum nicht einfach beides miteinander verbinden? Die Route führte mich fast kerzengerade gen Norden nach Bremen: 4 Tage, 500 km, 5.000 Höhenmeter. Die Freude und der Stolz es geschafft zu haben, war riesig, so habe ich schon da überlegt, irgendwann auch noch die anderen Himmelsrichtungen anzusteuern.

Im nächsten Radurlaub auf Mallorca 2017 verliebte ich mich sofort – in mein Miet-Rad von 54/11-Bikeholiday, ein Specialized Venge Expert in orange. Da eine so spontan aufkommende große Begeisterung oft die Kontrolle über mein Denken übernimmt, hat es nicht lange gedauert, bis ich Kerstin von 54/11 www.54eleven.com mit meiner „Haben will“-Anfrage angebettelt habe. Und dann dauerte es noch 6 Monate und einen weiteren Urlaub auf Mallorca, als ich endlich MEIN Venge mit nach Hause holen konnte. Ich liebe es einfach – und bis heute hat es mich kein einziges Mal im Stich gelassen! Danke Kerstin, für dieses „Matching“!

Dieses Jahr kam der Impuls beim Jedermannrennen „Rund um Köln“ Anfang Juni 2019. Ich bemerkte zum ersten Mal eine Leistungssteigerung und war noch einmal mehr vom Radfahren angefixt. Wir waren zwar schon Radfahren in Andalusien und auf Mallorca, aber irgendwie fehlten mir immer noch Kilometer, schließlich wollte das Jahresziel mit 4.000 km geschafft werden. Wenn sich in Mel’s Hirn dann einmal ein Gedanke festsetzt, gibt es kein Zurück mehr. Innerhalb von drei Wochen war dann klar, es muss wieder eine Radreise werden. Gefehlt hat nur noch ein Ziel. Man nehme Google Maps und ziehe eine Linie von Stuttgart nach Osten, Süden, Westen. Distanz mindestens 500 km. Als der Mauszeiger dann kurz vor Paris hängenblieb, war klar – das ist ein wirklich cooles Ziel. Schnell war die Übernachtung in Paris gebucht und auch der Flixbus für die Rückfahrt, da der TGV keine Räder transportiert.

Dann ging es in die Detailplanung. Mit www.gpsies.com hatte ich schon gute Erfahrung gemacht, also komplette Route in mehreren Variationen angelegt, modifiziert – ein bisschen Vogesenluft muss sein und auch darf man zwischendurch mal an einem Fluss entlang rollen. Die Route wurde dann dann in 5 Etappen gesplittet und entsprechend der Orte auf der Route parallel auf booking.com Hotels/B&B’s gesucht. Fertig! Was hier so einfach klingt, hat dann doch mehrere Tage in Anspruch genommen, viele Routen wurden wieder verworfen, weil es einfach keine Hotels in absehbarer Distanz zu buchen gab. Aber wenn man den Entschluss einmal gefasst hat, dann macht einen die Vorfreude zum wahren Meister des Setzens von Wegpunkten – da noch ein schönes Tal, da ein Naturschutzgebiet, die Vogesen, eine Fähre (ohja unbedingt), ein Ort mit einem schönen Namen, denn in Château-Thierry wollte ich unbedingt übernachten. Fragt mich nicht warum, ich hatte niemals auch nur einen Bezug zu diesem Ort, aber er klang danach, als wenn er unbedingt von mir besucht werden musste. Im Nachhinein war dieser Ort und noch eine weitere Location ein wahrer Glücksgriff.

Die Wochen vor der Reise waren gespickt mit riesengroßer Vorfreude. Ich bekam Namen wie „verrücktes Weib“ oder „Hammerfrau“. Bei jeder Erzählung merkte ich auch, dass meine Begeisterung immer mehr zunahm. Man glaubt nicht, wieviel Energie solch‘ ein Ziel in einem auslöst. An seine Grenzen zu gehen (freiwillig), ist positiver Stress. Es weckt unheimliche Lebensfreude, auch Abenteuerlust. Manchmal kam ich mir vor wie eine Aufzieh-Figur, die es kaum erwarten kann, bis der bis aufs letzte gespannte Aufzieher losgelassen wird.

Es gab natürlich auch Momente in denen ich beim Gedanken daran vor Aufregung und etwas Angst Magengrummeln bekommen habe; Angst vor der eigenen Courage. In dem Fall auch wichtig, da dieser Respekt bei der Detailplanung den Übermut oder die Selbstüberschätzung durchaus etwas ausgebremst hat. Glück hatte ich auch beim Check-up in der Radwerkstatt meines Vertrauens www.diebikewerkstatt.de: diese rettete mich vor einem technischen Desaster, da ein Schaltzug defekt war und noch in der Werkstatt gerissen ist. Danke – ebenfalls auch für das kleine essentielle Give away für die Reise, die Muc off Sitzcreme.

Eine Woche vor Abreise wurde dann das Häufchen mit Utensilien, die ich auf meine Reise mitnehmen wollte, immer größer. Ich wusste ja, man benötigt nicht viel. Die sommerlichen Wetterprognosen erlaubten mir sogar, die Armlinge, Beinlinge und Jacken wieder in den Schrank zu legen – „Kurz – Kurz“ war angesagt. Letztendlich hatte ich eine Sattelstützentasche (Topeak Backloader, vielen Dank Frederik für diese Leihgabe) mit 15 l Packungsvolumen und eine Oberrohrtasche (Vaude Cruiser Bag, 1,3 l Volumen) für mein Hab und Gut. Genau gesagt 6 Kilogramm Gepäck, inkl. Müsliriegel und Werkzeug, zzgl. zwei Trinkflaschen á 900 ml.


#1Am 25. August war es dann soweit. 1. Etappe – Start in Besigheim. Sonne pur, blauer Himmel. Bis zum Kloster Maulbronn wurde ich von vertrauter Umgebung begleitet, bekannte Radwege, bekannte Kennzeichen. Über Ettlingen nach Durmersheim, vorbei an bienenumschwärmten Blumen, Wiesen und Feldern, erreichte ich dann Plittersdorf. Nur noch der Rhein trennte mich von dem Land, in dem ich die nächsten Tage verbringen durfte, in dem ich die Sprache nicht verstehen würde, das Land mit der Stadt der Liebe, dessen Bedeutung ich in Bezug auf die Stadt hautnah erleben durfte.

Die ohne Motor betriebene Fähre „Saletio“ in Plittersdorf war eine idyllische Unterbrechung der Fahrt und sozusagen die letzte Verbindung zur Heimat. Dann war schnell klar, dass das „Grüß Gott“ dem „Bonjour“ weichen musste, wie die Butterbrezel dem Croissant. Es tat nicht weh, zumal ich ohnehin keine andere Wahl hatte, als der Navigation meines Garmins zu folgen. Denn es waren noch ein paar Kilometer bis zu meiner ersten Unterkunft in Niederbronn-les-Bains. Zum Glück, denn so konnte ich das malerische Elsass erleben und entdeckte ein „Villages fleuris“ nach dem anderen. Mit „Blumen“ ausgezeichnet werden hier die Gewinner des Wettbewerbs „Unser Ort soll schöner werden“ – ich gebe zu, in diesem Fall klingt das auf Französisch tatsächlich besser.

Der Empfang im Logis Hotel Restaurant Muller war sehr herzlich. Die Rezeptionistin konnte es nicht glauben, dass ich tatsächlich allein mit dem Rad nach Paris fahren wollte. Sie witterte gar so eine Sensation, dass sie die nächsten Tage die Tagesschau anschauen wollte, um meine Aktion zu verfolgen. Den Rest vom Nachmittag verbrachte ich nach meinen ersten 136 km dieser Tour zum Entspannen im SPA und beim ersten Abendessen in Frankreich: es gab (lecker) Burger und Pommes – zugegebenermaßen eine Entscheidung aufgrund Faulheit, die komplette Karte via App ins Deutsche übersetzen zu müssen. Immerhin das Amuse-Gueule aus der Küche war französisch. Und auch das Bett im Hotel, in dem ich den Tag zufrieden und entspannt ausklingen lassen konnte.

Besigheim nach Niederbonn-les-Bains: 136 km // 1.000 Hhm


#2Am nächsten Tag fuhr ich – angefeuert von Bauarbeitern sowie einigen lichthupenden und winkenden Autofahrern – weitere 136 km anfangs durch die nördlichen Vogesen und dann über landwirtschaftlich angehauchtes, welliges Gelände bis hin nach Metz (Augny). Dort machte ich meine ersten Erfahrungen mit der großstädtischen Verkehrsführung in Frankreich und landete am Ende in einem Hotel in der Nähe der Autobahn, in einem Outlet-Center/Industriegebiet. Man lerne: lasse dich nicht von Marketing-Geblubber beeinflussen und buche ein „Design Hotel“, ohne die Lage zu checken. Ich will keine negative Kritik streuen, das Hotel war ok, die Angestellten super nett und auch in der Nähe habe ich eine Restaurantkette gefunden, so dass ich nicht verhungern musste. Nichts desto trotz war ich froh, diese nüchterne Gegend am nächsten Tag verlassen zu können.

Niederbronn-les-Bains – Metz (Augny): 136 km // 1.400 Hhm


#3An diesem dritten Tag hieß es früher aufstehen, die längste Etappe mit ca. 155 km erwartete mich. Und kurz nachdem ich aus dieser Stadt heraus war, war mein verwöhntes Gemüt, was die Umgebung anging, besänftigt. Auf dieser Fahrt verließ mehrfach ein „Wow“ meine Lippen. Ich war überwältigt ob der Weiten, der unendlichen Felder und Wiesen, Wälder, leeren Straßen und der Ruhe. Kennt ihr das Gefühl, ganz allein zu sein auf dieser Welt? Es war herrlich, nur das Surren meiner Kette … und mein Schnaufen beim Überwinden der unzähligen Wellen. Ein ständiges Auf und Ab, unterbrochen von menschenleeren Ortschaften und gelegentlich einem Traktor. Jetzt ist mir auch klar, warum es unterwegs keine Tankstellen, Bars oder Supermärkte gab – hier lebt einfach kaum jemand! Mein sportlicher Berater Dr. Baeurle (Hi Norman!) riet mir, immer nach Dorfbrunnen Ausschau zu halten. Einen einzigen habe ich unterwegs gefunden und den ärztlichen Rat befolgt: abwaschen, Klamotten befeuchten und ich wagte auch, meine Trinkflasche aufzufüllen. Wie neugeboren fuhr ich weiter und war am Ende des Tages sehr dankbar, diese Wasserquelle ausgeschöpft zu haben. Es kam nichts mehr, wo ich meinen Durst hätte stillen können … und dann erwartete mich eine der großen Überraschungen auf der Tour: Châlons-en-Champagne. Schon das Einfahren in diese Stadt bescherte mir eine Fata Morgana: ein Triumpfbogen, war ich schon in Paris? Meine Gastwirtin im B&B „Un jardin dans la ville“ (übrigens eine absolute Übernachtungsempfehlung) schwärmte dann auch so von Ihrem Heimatort, dass ich frischgeduscht mit dem Stadtplan loszog (natürlich erstmal in die falsche Richtung). Ich entdeckte eine wunderschöne Stadt und würde diese im Nachhinein tatsächlich als Klein-Paris bezeichnen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Zumal ich die Orte für meine Unterkünfte ja nur rein rational nach Distanz und natürlich Preis/Leistung ausgewählt hatte. Es gab hier schöne Gebäude, Brücken, Plätze … alles in Laufweite und nachts auch illuminiert. Das brachte mir zusätzliche 11.000 Schritte auf dem Schrittzähler, so dass ich mir mit gutem Gewissen mein erstes Tatar auf dieser Reise gönnen konnte. Ein Traum, danach war für mich klar – in einem Land, in dem Hygienevorschriften es nicht verbieten, rohes Fleisch und rohes Ei in einem Restaurant anzubieten, muss ich die Chancen auf dieser Reise voll ausnutzen.

Metz (Augny) – Châlons-en-Champagne: 154 km // 1.400 Hhm


#4Während dem wunderbaren Frühstück (selbstgemachte Marmelade) kam ganz kurz der Gedanke auf, dass es hier eigentlich zu schön und zu herzlich ist, um weiterzufahren. Aber ich musste das große Ganze im Blick behalten und wusste, dass die nächste Location mich nach lediglich 85 km mit einem Pool erwartet. Also rauf auf’s Rad. Diese Fahrt, die eigentlich versprach die kürzeste, lockerste und flachste Etappe zu werden, war für meine Beine das erste Mal eine Bewährungsprobe: sie waren schwer, die Straßen hatten keinen roll-freundlichen Asphalt, was durch den Gegenwind (wo kam der auf einmal her?) nicht einfacher wurde. Zu Beginn freute ich mich, dass ich die immer wieder ausgezeichnete „Route Champagne“ abfahren konnte und hatte romantischste Vorstellungen, wurde aber dann ernüchtert, da meist das, was touristisch angepriesen wird, leider auch mit viel Verkehr verbunden ist. Mir fehlte auf dieser Strecke die Abgeschiedenheit der letzten Tage. Aber bis zum Pool war es ja nicht mehr weit.

Nicht nur, weil ich rein zufällig durch die Partnerstadt von Besigheim (von wo aus ich gestartet bin), Ay, gefahren bin, erinnerte mich wegen der vielen Weinberge und des Flusses Marne auch sonst sehr viel an die Heimat. Da unterscheiden sich Weinanbaugebiete nicht so sehr voneinander, wobei die Champagne 2015 sogar zum Unesco Weltkulturerbe ernannt wurde. Ich muss zugeben, dass die Schilder und Gebäude der unzähligen Champagnerien oft eleganter ausschauen, als manches Weingut bei uns.

Meine müden Beine brachten mich trotzdem erfolgreich in den Ort, in dem ich unbedingt übernachten wollte: Château-Thierry. Auch hier fand ich recht schnell mein B&B „Maison Joussaume Latour“ und wurde sehr herzlich empfangen. Ich fühlte mich gleich willkommen, ja fast schon wie Zuhause. Und dann noch ein Pool im Garten – perfekt. Die Gesellschaft von Labradorhündin Elyse, die mein Herz im Sturm erobert hat, genoss ich genauso, wie die erfrischende Abkühlung im Wasser. Schließlich hatte ich jetzt vier ganze Tage Sauna-Session auf dem Rad hinter mir (30-35 Grad). Die nächsten drei Stunden ist daher nicht viel passiert, Entspannung pur.

Irgendwann weckte mich dann meine Neugier auf die Stadt bzw. das Château, was ich von meinem Zimmer aus sehen konnte. Also zog ich los und erkundete die Stadt bzw. zuerst die Ruine. Was für ein Glücksfall, dass ich diesen Ort gewählt habe. Steht da einfach so ein Eldorado für Schwarz-Weiß-Fotografie herum, was mich dann doch einige Zeit von meinem nächsten Tartar abgehalten hat. Aber weitere 10.000 Schritte später stand es dann auch vor mir, in Gesellschaft von einem leckeren Rotwein – mein perfekter Tagesabschluss. Nebenbei erwähnt, Château-Thierry ist die Partnerstadt von Mosbach, in dessen Nähe meine Eltern wohnen.

Châlons-en-Champagne – Château-Thierry: 87 km // 560 Hhm


#5Beim wieder sehr appetitlich angerichtetem Frühstück lernte ich dann die anderen deutschen Gäste im Haus kennen – ein Ehepaar aus Darmstadt, das mit den E-Bikes von Straßburg nach Paris unterwegs war (Hallo Hermann!). Wir waren gleich auf einer Wellenlänge und verpassten beim angeregten Gespräch fast die pünktliche Abreise. Der Abschied von diesem schönen Ort fiel mir wieder sehr schwer. Aber die 5. und sozusagen letzte Etappe stand vor der Tür – Paris wartete auf mich.

Die Tagesdistanz war mit 100 km angegeben. Überschaubar, da kann man es etwas entspannter angehen. Obwohl auch wieder Gegenwind, war die Strecke diesmal viel beschaulicher. Beeindruckend war der Wechsel zwischen Sonne und Wolken: Sonnenlicht macht malerisch. Ist es bewölkt, wirkt alles vorher friedliche auf einmal morbide, fast verwahrlost. Ich mag das … und ich mochte an dem Tag auch, dass die Temperaturen von 35 Grad ausnahmsweise auf unter 25 Grad gesunken sind. Es war fast fröstelig. Man betone an dieser Stelle, dass auch heute, am 5 Tag, kein Tropfen Regen fiel (jedenfalls nicht in meiner Nähe). Nach etlichen Kilometern Hinterland, befuhr ich ca. 30 km vor Paris meinen ersten offiziellen Radweg. Kerzengerade an einem Kanal entlang sollte dieser fast direkt an mein Ziel führen. Die Stadt näherte sich, auf einmal liefen und fuhren Menschen auf den Wegen, Industriegebäude säumten den Kanal, mit Graffitis geschmückte Betonwände weckten meine Begeisterung – was für schöne Fotomotive.

Ich schaffte es dennoch, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und erreichte die Stadt, die mich vor 20 Jahren so noch gar nicht begeistert hat. Um mich (und meine Fotografie-Sucht) anzulocken, brach der Himmel auf und die Sonne begrüßte mich. Vieles weckte schon in den Randbezirken Urlaubslust: schönes Wetter, Wasser, Musik, fröhliche Menschen. Dann mal näher rein ins Pariser Stadtgetümmel und auf die Suche nach dem Hotel. Dieses hatte ich mir im Künstlerviertel Montmartre ausgesucht. Die beste Entscheidung! Mein Rad und ich bezogen unser Zimmer im Hotel „Basss“ im dritten Stock. Beim Blick aus dem Zimmerfenster auf die Gebäude der Rue des Abbesses wusste ich, die Champs-Élysée muss bis Morgen warten – ich muss erst einmal hier meine Neugier befriedigen.

Nach der üblichen Reinigungsprozedur und Aufladen von Handy und Garmin zog ich los und war vom ersten Schritt an begeistert von diesem Viertel. Es gab einige Gänsehautmomente auf der Reise, drei davon erlebte ich in Montmartre. Nach einigen Minuten sah ich sie, die Sacré-Coeurs. Wow. Die Kirche, gebaut aus Travertin (weißem Kalkstein), strahlte mit der Sonne um die Wette – ich war überwältigt. Auf den Wiesen unterhalb der Kirche saßen Menschen, es wirkte alles sehr entspannt, obwohl es sicher einer der Touristenmagnete in dem Viertel ist. Von oben hat man einen sensationellen Blick auf diese Millionen-Stadt (Gänsehaut!), ich war sehr ergriffen – und dabei hatte ich den Eifelturm von da aus noch nicht einmal richtig im Blick. Man fühlt sich klein, aber auch ein bisschen wie „Der König der Welt“. Und durch diese Stadt soll ich Morgen alleine herumfahren? Egal, ich habe ja eine Route auf dem Navi.

Montmartre hat mich den kompletten Abend gefesselt. Und das hat jetzt nichts damit zu tun, dass es diese Gegend hier auch Märtyrerhügel genannt wird. Aber das nächste Tatar musste „gefangen“ werden. Nach dem Essen nutzte ich immer die Zeit, meine sozialen Kontakte mit Informationen zu füttern, Nachrichten zu beantworten, Bilder zu versenden. Ich war zwar allein (das zweite Gedeck am Tisch wurde immer sorgfältig abgeräumt), fühlte mich aber in diesen Momenten überhaupt nicht einsam – auch Dank der vielen Zusprüche und Respektbekundungen, die ich freudig meinem Smartphone entnommen habe. Ich habe mich über jede Reaktion gefreut. Es war schön, dass und wie ihr mich alle auf meiner Reise begleitet habt!

Zurück ins Hotel? Auf keinen Fall, Sacré-Coeurs und den Ausblick musste ich auch bei Nacht sehen. Einmalig, auch da steht man mit offenen Mund da und kämpft mit den Freudentränen. Samuel, ein netter Südfranzose hat dann wohl Mitleid mit der einsamen Frau aus Deutschland bekommen und sich ihrer angenommen. Nach einiger Zeit und vielen interessanten Informationen verabschiedete ich mich von der Kirche und Samuel, der mich wahrscheinlich sonst die ganze „letzte Nacht in Paris“ begleitet hätte. Auf dem Weg nach unten fiel mir dann ein Straßenmusiker auf, der mit unheimlich sanfter Stimme sang – ein Grund, doch noch nicht so schnell ins Hotel zu gehen. Dann hörte ich bekannte Töne und er begann mein derzeitiges absolutes Lieblingslied zu singen: „Someone you loved“ von Lewis Capaldi. Das war mein perfekter Paris-Moment, sitzend auf dem Bordstein, glänzende Augen und diese Gänsehaut wieder! Meine letzte Nacht in Montmartre, ganz allein mit diesem Glücksgefühl – und #ecgold (ich habe ihn auch in Youtube gefunden).

Château-Thierry – Paris: 98 km // 610 Hhm


#6Voll motiviert und immer noch mit einem Hauch der Romantik der letzten Nacht umgeben, sattelte ich mein Venge und war bereit, noch mehr von dieser tollen Stadt zu erkunden. Was nicht bereit war, war mein Garmin! Eigentlich hatte ich alle sehenswerten Hotspots im Vorfeld recherchiert und mit den jeweiligen Stationen eine ca. 45 km lange Route durch Paris mit gpsies.com erstellt – damit ich mich mehr auf die Sehenswürdigkeiten und den Verkehr konzentrieren konnte. Es hätte einfach sein können, aber eine Sache, wenigstens eine Sache auf der kompletten Tour kann ja auch mal nicht klappen. Plan B, „einfach“ nach der Karte die Punkte abfahren. In der Not entwickelt man Fähigkeiten, mit denen man eigentlich nicht gesegnet ist, so dass mein unterentwickelter Orientierungssinn tatsächlich gefordert wurde. Ich habe ziemlich alles gefunden, was auf meiner gedanklichen Liste stand. Diese Stadt ist wahnsinnig überwältigend und man bräuchte mehrere Tage, um alles auch wirklich auf sich wirken zu lassen. Ich hatte nur einen, und den habe ich intensiv genutzt. Er startete mit dem Highlight, mit meinem Venge auf der Champs-Élysée zu fahren. Ich bevorzugte hier den Radweg, aber die Faszination war unwesentlich geringer. Ein Wow-Moment – ich bin tatsächlich hier! Weiter ging es durch den überraschend großen und grünen Park Longchamp in Marseille, um sich von Westen dann wieder den touristischen Hotspots der Stadt zu nähern: kleine Freiheitsstatue, Eifelturm. Ja, da stand er und als Wahrzeichen dieser Stadt natürlich imposant. Aber warum ist alle Welt verrückt nach diesem Turm? Wo es doch so viel schönere Sachen in Paris zu sehen gibt. Das (und weil ich mein Rad nicht so lange unbewacht stehenlassen wollte) war dann auch der Grund, warum ich gar nicht erst darüber nachgedacht habe, den Eiffelturm zu erklimmen. Vielleicht bei einem nächsten Besuch. Spontan entschied ich mich dann für eine Bootstour mit „Batobus“, die so nett waren, auch mein Rad mit zu transportieren. Eine Stunde die Verantwortung der Navigation abgeben und entspannt einfach nur die Augen umherschweifen zu lassen. Es hat sich gelohnt. Danach ein schnelles Baguette unter dem Eiffelturm und die Route ging per Velo weiter: Hôtel Invalides, Montparnasse, Panthéon, Notre-Dame, Pompidou.

Letzte Station: Louvre – ich wollte genau so durch das Areal fahren, wie die Tour de France-Fahrer auf der Schlussetappe. Auf dem Weg dahin, gab es noch ein großes Überraschungsmoment auf einem Fußgängerüberweg. Mein Ohr, dem deutschen schon ganz fern, vernahm auf einmal ein „Ja, die kennen wir doch!“. Was für ein Zufall, meine Darmstädter Reisebekanntschaften aus Château-Thierry, mitten in Paris, zusammen mit ihrer Tochter, die dort lebt. Die Freude war sehr groß, leider hatte ich zu der Zeit schon die Heimfahrt im Visier und konnte nicht wirklich viel Zeit mit den Dreien verbringen.

Mit einem Grinsen (Paris ist eben auch nur ein „Dorf“) enterte ich den Louvre und hatte in dem Moment mein architektonisches Highlight von Paris entdeckt. Genau Meins, die Kombination aus Stein, Glas und viel Platz. Mein Fotografenherz schluchzte ganz kurz auf, weil ich mit der Spiegelreflexkamera hier mein „picture of the year“ in Riesen-Leinwandgröße hätte machen können – aber die Option die große Kamera mitzunehmen stand ja niemals zur Debatte. Also glühte mein Handy und mein Herz, glücklich diesen tollen Platz gefunden zu haben. Einzig der Blick auf die Uhr animierte mich dann, wieder zurück zum Hotel zu fahren.

Grundsätzlich ist es übrigens gar kein Problem, die Stadt mit dem Rad zu erkunden: entweder man fährt auf den Busspuren (diese sind auch am Boden entsprechend markiert) oder auf der Straße oder aber, was mir nach einer kurzen Eingewöhnung ganz gut gefallen hat, entgegen der Fahrtrichtung auf den Einbahnstraßen. „Sauf vélo“-Schilder erlaubten dies, es fiel irgendwie leicht, diesem Schlagwort zu folgen.

Der Abschied nahte, aber mir blieb noch etwas Zeit zum Runterkommen bei einem Kaffee im Hotel und meinem letzten Tatar in einem Restaurant in meinem so liebgewonnenen Montmartre. So langsam wurde ich wehmütig. Meine finale Fahrt führte mich in die Dämmerung von Paris, Richtung Park Bercy, der Busbahnhof der Reisebusse. Die Navigation funktionierte und so konnte ich in Pariser Radler-Manier durch die Straßen „surren“ und noch ein paar schöne Eindrücke der Stadt bei Nacht einfangen. Die Wehmütigkeit wich nun dem unabwendbaren normalen Ablauf einer Abreise: Bus pünktlich erreichen, meinen treuen Reisebegleiter sicher am Bus befestigt zu wissen, noch genug Akku für die Fahrt aufzusparen. Dann hatte ich gute 8 Stunden Zeit, meine ganzen Eindrücke zu verarbeiten, die Abschiedstränen wegzublinzeln und in Dauerschleife „Someone you loved“ zu hören.

Paris Sightseeing: 53 km // 300 Hhm


Nach 6 Tagen, 675 km, 5.300 Höhenmetern und knappen 30 Stunden im Sattel bin ich zurück und unendlich glücklich, diese Herausforderung durchgezogen und die einzigartige Erfahrung gemacht zu haben. Das wunderschöne Ziel, die malerischen Landschaften, eine stabile Gesundheit, eine unfallfreie und reparaturlose Fahrt und ein Wetter, das besser hätte nicht sein können, haben natürlich dazu beigetragen.

Die stundenlangen Fahrten bei 35 Grad, allein mit mir und der Natur, und jeder Menge Salz auf der Haut, lassen noch Erklärungen offen, wie ich das ganze logistisch gelöst habe. Jeden Abend war „Waschtag“, so dass ich gesellschaftstauglich war und quasi frisch gewaschen jeden Morgen gestartet bin. Dank des Wetters und der Sportkleidung, trocknete alles über Nacht. Tatsächlich hatte ich neben meiner kleinen „Abendgarderobe“ (Kleid, Hose, Shirt) lediglich eine Radhose und abwechselnd zwei Trikots in Benutzung. Man muss sich ohnehin reduzieren, auch wenn das Beautycase dann nur die Größe eines kleinen Gefrierbeutels hat (ok, es WAR ein Gefrierbeutel). Um etwas abgewandelt die Worte von Fiona Kolbinger (Gewinnerin des Transcontinental Race 2019) zu zitieren: dies war schließlich keine Dating-Veranstaltung, sondern ein Radtrip!


Auf der Heimfahrt musste ich mich damit auseinandersetzen, dass diese Reise nun wirklich vorbei war. Aber eigentlich hat sie erst angefangen: eine Reise in Richtung Selbstfindung, Bestätigung und dem Wissen, man kann alles (auch allein) schaffen, wenn man es wirklich will und man kann es sogar auch genießen. Ich weiß nicht mehr, wann der Moment am stärksten war, in dem ich dachte „War es das jetzt? Ist es jetzt wirklich vorbei?“. Er schummelte sich seit dem Erreichen von Paris am Vortag bis zur Rückfahrt immer wieder in meine Gedanken. Ich werde ganz sicher irgendwann weiterfahren. Es ist nun aber auch wichtig, wieder einen Stopp im Alltag einzulegen, sich zu erden, Zuhause bei den Lieben zu sein, die Erinnerungen zu konservieren und der Inspiration für neue Ziele wieder Raum zu geben. Zuhause ist es auch schön und sich diese persönliche Entfaltung sowohl in der Partnerschaft (Danke Alex) als auch finanziell erlauben zu dürfen, durchflutet einen mit ganz viel Dankbarkeit.

Noch eine Überraschung am Schluss? Eine Idee für die nächste Tour setzt sich natürlich auch schon langsam wieder in meinem Kopf fest … aber jetzt warte ich erst einmal auf den nächsten Sommer …


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Paris Roadtrip
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